Hinter dem Wasserfall


 

Die, für eine Magistra sehr zierliche, kleine Frau kletterte im Morgengrauen eines Spätwintertages die Felsen hinauf in Richtung des Wasserfalls. Sie hätte natürlich einen Levitationszauber nutzen können, aber Mareen liebte es, in der Natur zu sein, die Kälte und die Nässe zu spüren. Zwar hatte sie als Seelenformerin immer die Freiheit, ihre Adepten zu unterrichten, wo immer es ihr sinnvoll erschien, trotzdem fand der Unterricht viel zu oft in Laboren oder geschlossenen Unterrichtsräumen statt.

Aber heute bot sich endlich wieder einmal die Gelegenheit, draußen zu unterrichten. Denn die Stunde zur Energiegewinnung funktionierte am verlässlichsten an Orten, wo den jungen Magistras viele unterschiedliche Materialien, viel Platz und vor allem viel Raum für Fehler zur Verfügung standen.

Der große Wasserfall, zu dem Mareen nun unterwegs war, hatte schon viele Generationen junger Adepten kommen und gehen sehen. Er war ein beliebter Platz, um diese Art von Magie zu studieren. Die Seelenformerin selbst hatte die Technik der Energienutzung vor einigen Jahren hier erlernt. Sie konnte sich noch genau erinnern, wie aufgeregt sie war, als sie das mächtige Tosen des Wassers gehört hatte, wie sie den versteckten Eingang zur Höhle hinter der Kaskade gefunden hatte. Wie sie überrascht feststellte, dass die Kaverne ein gemütlich eingerichteter Studienraum war.

Auch heute kam sie nach einigem Klettern und Balancieren über die glitschigen Steine in dem kleinen Kammer an und war wieder erstaunt, wie viel Stauraum hier geschaffen worden war.

Außer der einladenden, halbrunden Sitzgruppe, die zum Wasserfall hin offen war, waren an allen Wänden Holzregale eingelassen. In diesen ließ sich jede nur erdenkliche Art an Rohstoffen finden, die die angehenden Magistras für ihre Experimente benötigen würden.

Seit Gerolamo damals zusammen mit Lucia die Energieerzeugung mittels Kupfer und Wind entdeckt hatte, waren die Methoden der Energieerzeugung natürlich wesentlich verfeinert worden. Für die meisten Kraftwerke brauchte es gar keine Magie mehr, wenn sie einmal fertig eingerichtet waren. Die großen Vortex-Generatoren lieferten an den Küsten genug Strom für fast alle Siedlungen, die die Menschen bewohnten. Dabei wurde ein Mast durch Windschwingungen transversal bewegt. Eingebaute Magnet-Kupfer-Systeme nutzten die Vibration zur elektrischen Induktion, und über das unterirdische Verteilsystem kam der Strom überall an, wo er gebraucht wurde.

Doch die Magistra Inc. legte großen Wert darauf, dass ihre Mitglieder alle dreizehn Arten der Stromerzeugung zumindest kannten und mindestens vier davon selbst beherrschten.

Und deshalb traf sich Mareen heute hier an diesem wunderschönen Ort mit ihrem aktuellen Kurs, um das Segment „Energieprozesse“ abzuschließen. Sie wusste, dass die jungen Magistras natürlich schon heimlich geübt hatten. Sie hatten die vielfältigen Arten, Spannung zu erzeugen, weiterzuleiten und zu speichern, in dem theoretischen Wissensgebiet längst abgearbeitet.

Doch der praktische Teil durfte prinzipiell nur an festgelegten Standorten und unter der Aufsicht von Seelenformerinnen trainiert werden. Dass sich daran kaum eine Schülerin hielt, war Mareen natürlich bewusst. Sie selbst hatte, als sie das erste Mal das Glühen gezeigt hatte, sofort mit einer ihrer Freundinnen versucht, die purpurnen Leuchtspuren zu erzeugen, die nur eine Magistra hervorbringen konnte.

Denn die unterschiedlichen Arten der Energie entfachten verschiedenfarbige Funken bei der kontrollierten Freisetzung. Die Arten, die sich nur mittels Magie hervorrufen ließen, sprühten kräftige, violette Lichtpunkte in die Umgebung.

Die Seelenformerin betrat den verborgenen Raum und stellte fest, dass die Adepten bereits eingetroffen waren und die Sammelsurien an Materialien in den Regalen mittlerweile ausgiebig begutachtet hatten.

Sie fand Liea und Perlani im hinteren Bereich bei den Metallen und Steinen, wo die beiden sich inzwischen eine kleine Sammlung an Rohstoffen für ihre Experimente zusammengesucht hatten. Cande, die Älteste im Kurs, und Gunader, der einzige männliche Teilnehmer, saßen vorn im Halbrund der Sitzgruppe und ließen offenbar die Schönheit des Wasserfalls auf sich einwirken. Ein Vergnügen, das Mareen nur allzu gut nachvollziehen konnte. Auch sie konnte sich des Zaubers dieses Ortes nur schwer entziehen. Denn das eigentlich zu erwartende Donnern des Wassers hörte man im Innenbereich der Höhle nur als leises Rauschen, und am Rand der warmen Felsenkammer wuchsen üppige Farne, die sich trotz der Kälte draußen fast trotzig am Gestein festklammerten.

Als Leiterin des Kurses begrüßte Mareen ihre Schülerinnen und suchte sich dann ebenfalls rasch ihre Materialien zusammen.

Die kleine, zierliche Frau hatte keine Schwierigkeiten, die Aufmerksamkeit schnell auf ihr eigentliches Unterrichtsthema zu lenken, denn die jungen Magistras warteten bereits voller Spannung darauf, mit den Experimenten zu beginnen. Nachdem Mareen noch einmal mit ihnen alle Sicherheitsvorkehrungen durchgegangen war (sie durften nur einzeln Magie wirken und mussten sich vorerst an die „gerolamische Tabelle“ halten), bat sie Perlani zu beginnen. Mareen wusste, dass die junge Geomagistra schon ganz aufgeregt vor Vorfreude war und die Energiegewinnung am liebsten direkt mit der Magma-Achat-Verbindung an einem Vulkan ausgeführt hätte. Als Seelenformerin hatte Mareen in ihren Kursen schon viele außerordentlich motivierte junge Magistras auf ihrem Weg durch die Arcana Prima begleitet und wusste, wie sie ihre Schülerinnen gleichermaßen mäßigen und ermutigen konnte.

Denn obwohl in der Theorie alles ganz einfach klang und fast jede Magistra ihren bevorzugten, beinahe schon natürlichen Weg zur Energieerzeugung problemlos beherrschte, schienen die zwölf anderen Wege ohne genügend Übung und Wissen oft schier unerreichbar.

Doch die Magistra Inc. bestand darauf, dass jede Magistra es meisterte, während ihrer Ausbildung mindestens vier Arten von Energie zu erzeugen. Das war nicht willkürlich, denn manchmal standen nicht alle Rohstoffe zur Verfügung oder ein Energiestrom riss plötzlich ab, und dann musste jede Magistra schnell in der Lage sein, eine andere Stromquelle zu generieren.

Und genau deshalb musste sich nun auch die temperamentvolle Perlani, wie alle Schülerinnen der Arcana Prima, in Geduld üben und zusammen mit ihren Studienkollegen am Wasserfall an ihrem Können feilen.

Trotzdem ließ Mareen nun die quirlige junge Frau zusammen mit ihrer Freundin Liea als Erste mit ihren Experimenten starten. Die beiden hatten sich durchdacht ihre Materialien bereitgelegt, und Perlani versuchte soeben mithilfe von zwei Pendeln die Gravitation magisch so zu beeinflussen, dass sie einige Funken verursachen konnte. Allerdings wollte das ihr Vorhaben nicht gelingen, und bereits nach zehn Minuten gab Perlani erschöpft auf.

Die geduldigere Liea übernahm die Pendel von ihr, schloss ihre dunklen, fast schwarzen Augen und konzentrierte sich intensiv auf ihr Vorhaben. Ihre Nase glühte erst zart, dann immer stärker silbern auf, was im Kontrast zu ihrer dunklen Haut noch beeindruckender wirkte. Die beiden Pendel trotzten langsam der Gravitation und richteten sich fast waagerecht zueinander aus. Als sie nach kurzer Zeit zu schwingen begannen, sah man deutlich die purpurnen Funken auftauchen. Liea hielt während der ganzen Prozedur die Augen geschlossen, aber als sie Perlani beim Erscheinen der Flimmerpartikel scharf nach Luft schnappen hörte, wusste sie, dass sie es geschafft hatte.

Als Nächstes war Gunader an der Reihe. Er hatte sich die Klangflöte für die Erzeugung von blauen Wasser-Energiefunken bereitgelegt. Ganz offensichtlich hatte der junge Magistrat die Prozedur bereits mehrfach geübt, denn es kostete ihn kaum Anstrengung, mithilfe der Flöte die Wassermoleküle des Wasserfalls so in Schwingung zu versetzen, dass sie schöne, gleichmäßige Energie abgaben. Er freute sich sehr, richtete aber gleich nach der erfolgreichen Beendigung des Experiments seine Konzentration auf sein nächstes Vorhaben.

Von Cande wusste Mareen bereits, wie wundervoll sie singen konnte. Die Seelenformerin hatte sich schon lange darauf gefreut, mit ihr zusammen den traditionellen „Harmonia-Arcana“-Zauber zu wirken. Sie setzten sich einander gegenüber und hielten sich an den Händen. Die kleine Höhle wurde ganz still, selbst die Felsenwände schienen auf das zu lauschen, was nun folgen sollte.

Auf Candes Zeichen hin ließ Mareen ihre Nase leicht glühen, und die weltgewandte Frau begann, den „Nachtgesang der Hüter“, ein traditionelles Wiegenlied von arkanen Müttern, zu singen. Bei dieser Art der Energieerzeugung waren immer zwei Magistras nötig; niemand konnte dieses spezielle, fliederfarbige Funkeln in der Luft alleine erzeugen. Diese Energie konnte zwar nicht für die Stromerzeugung genutzt werden, aber sie konnte die magischen Aktivitäten von Magistras verstärken und vor äußeren Einflüssen schützen. Sie war eine Art Schutzraum für bestimmte Zauber.

Als die letzten Töne der geschichtsträchtigen Ballade verklangen, saßen alle fünf Magistras eine Weile schweigend in den bogenförmigen Polstern und ließen gedankenverloren das Schimmern langsam verblassen.

Mareen wusste, welche Wirkung diese Art von Energie auf angehende Magistras hatte, und ließ den Moment behutsam ausklingen. Alle in der Höhle wurden sich langsam bewusst, was sie gerade erlebt hatten, und fühlten sich nun, als wären sie eben aus einem wunderbaren Traum erwacht.

Liea zwinkerte die Tränen aus ihren Augen weg und atmete tief ein. Sie wusste nun instinktiv, was sie bei ihrem ersten Versuch, Energie zu erzeugen, falsch gemacht hatte. Und deshalb wollte sie jetzt etwas vollkommen anderes versuchen.

Sie wusste, dass sie als Geomagistra das Wetter bei weitem nie so gut beherrschen würde wie eine Sturmmagierin, trotzdem nahm sie sich ein Stück Jade aus einem der Regale und ging bis ganz nach vorne an die Kante des Wasserfalls.

Die athletische junge Frau musste nicht einmal ihre Augen schließen. Sie hielt in der einen Hand den grünen Stein und streckte die andere in den Wasserfall, um etwas Wasser daraus zu schöpfen. Anschließend ließ sie kurz ihre Nase silbern aufglühen, und statt der Flüssigkeit befand sich nun ein kleiner Berg Schnee in ihrer hohlen Hand. In diesen ließ sie sachte den Stein aus purer Jade gleiten, und im selben Moment stoben direkt darüber grüne Funken auf.

Obwohl Mareen normalerweise eine gewisse Distanz zu ihren Schülerinnen hielt, eilte sie nun zu Liea und umarmte sie stürmisch. Auch die anderen angehenden Magistras kamen bis nach vorne an die Kaskaden aus Wasser und ließen sich von der Euphorie anstecken.

Den Rest des Nachmittags verbrachte die kleine Gruppe damit, noch mehr Arten der Energieerzeugung für sich nutzbar zu machen, und selbst Mareen war durch die Atmosphäre so voller Elan, dass sie mit Gunaders Hilfe endlich den Trick mit der Klangflöte herausbekam



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