Wellentraining

Das Training in der großen Arena war schon immer etwas sehr Besonderes. 


Hier durften die Magistras ihrer Magie komplett freien Lauf lassen. Außerhalb des Stadions könnte man das natürlich auch, doch es war nicht dasselbe. Zunächst musste ein gesicherter Bereich schaffen werden, man musste aufpassen, dass niemand in die Nähe kam, und auf tausend Kleinigkeiten achten. In der Arena war all das schon vorbereitet.

Diese riesige Fläche, der absorbierende Schutzzauber, die Sicherheitsvorkehrungen – all das verleitete einen geradezu dazu, Neues auszuprobieren und an die Grenzen des Möglichen zu gehen.

Und so stand Eneris nun mit ihren Schützlingen, die gleichzeitig auch ihre Konkurrenten im Wettkampf waren, auf dem Boden dieser enormen Arena und trainierte für die anstehenden Spiele.

Eigentlich war das Turnier kein Spiel. Der historische Ursprung der Wettkämpfe lag weit zurück und hatte eine ernste Grundlage. Als die „Ordnung“, an die sich alle Magistras beim Einsatz von Magie halten mussten, entworfen wurde, musste eine solide Grundlage für die Zauberei geschaffen werden. Wenn nicht mehr frei gezaubert werden durfte, wie sollte man sonst einen Fortschritt oder eine Weiterentwicklung dieser Kunst ermöglichen können? Und so entstand mit der Zeit ein großes Spetkakel, an dem alle Menschen, arcan oder caecus, also nicht magisch veranlagt, teilhaben konnten. 

Eneris arbeitete gerade an einer ganz außergewöhnlichen Art, eine Welle mit einem Tornadotrichter zu verbinden. Es klappte fast, aber die Welle wollte sich nicht so einrollen, wie Eneris es sich vorgestellt hatte. Sie versuchte es wieder und wieder, ihre Nase glühte und sie schwitzte. Die Arna war mit ihrem stufenförmigen Amphitheater zum offenen Ozean hin ausgerichtet und dort baute die junge Frau gerade die Verbindung zwischen der großen Windhose und den stürmischen Wellen auf. Das Wetter war geradezu perfekt, der auflandige Wind und die einlaufenden Gezeiten brachten genug Energie mit, sodass Eneris eigentlich nur etwas an den Fäden des natürlichen Gleichgewichtes ziehen musste, um die Wassermassen mit der sich drehenden Windböhe zu verbinden. Eigentlich war es ganz einfach, doch wie so oft waren es gerade die einfachen Dinge, die sich als besonders verzwickt herausstellten. Der Boden des Trichters wollte sich einfach nicht in die Welle einrollen. Es war zum verrückt werden. 

Während einer Verschnaufpause sah sie sich in ihrer Gruppe von Sturmmagierinnen um und entdeckte so viele verschiedene Arten der Wettermagie, dass es sie fast überwältigte. Natürlich kannte sie alle Mitglieder ihrer kleinen Gemeinschaft schon lange, aber sie in voller Kampfmontur und hoch konzentriert zu sehen, war immer wieder beeindruckend. Das Dilemma an der Wettermagie war, dass man sie nur ganz oder gar nicht wirken konnte. Man konnte keinen kleinen Zyklon loslassen, man konnte keine winzige Cumulonimbuswolke erschaffen, um ein Mini-Gewitter abregnen zu lassen. Ihre volle Macht konnten die Sturmmagierinnen eigentlich nur in zwei Fällen abrufen: unmittelbar vor einer Wetterkatastrophe, um Menschen und Siedlungen zu retten, wobei meist mehrere von ihnen koordiniert zusammenarbeiten mussten, oder während eines Wettkampfes, bei dem sie gegeneinander antreten sollten.

Es war nicht das beste System, das musste Eneris zugeben. Aber es war immer noch besser, als herumzusitzen und auf den nächsten Nordseesturm zu warten.

Also trainierten sie – um sich die Zeit zu vertreiben, um in Form zu bleiben, vielleicht sogar, um besser zu werden.

Während Eneris die Gruppe beobachtete, sah sie im Augenwinkel, wie sich ihre Welle veränderte. Sie drehte sich fast unmerklich in die Windhose hinein und ergab so ein perfektes, in sich geschlossenes System. Genau das, was sie beabsichtigt hatte! Doch sie war es nicht – sie wirkte gar keine Magie. Also sah sie sich um. Wessen Nase glühte gerade?

Es war Arvid, Kaneias Sohn, der erst kürzlich die Arcana Prima abgeschlossen hatte. Eneris wusste, dass er eine große Begabung für das Klima hatte. Bei dieser Mutter war das keine große Überraschung. So wenig wie sich vorhersagen ließ, wer das Omega-Chromosom tragen würde, so offensichtlich waren die arcanen, also unmagischen Begabungen und Talente in der direkten elterlichen Genlinie. Kaneia war im Staatsministerium für die meteorologischen Vorhersagen zuständig, sie konnte das Wetter lesen wie keine Zweite. Daher war es fast schon absehbar gewesen, dass er bei den Sturmmagiern gelandet war.

Eneris beobachtete Arvid weiter, der wiederum regestriert hatte, dass sie ihn bemerkt hatte. Mit einem kurzen Nicken ermunterte sie ihn, ihre Welle zu übernehmen. Er war noch so jung und es fehlte ihm an Praxis; hätte Eneris ihn zu sehr abgelenkt, hätte er gut und gerne das ganze Stadion unter Wasser setzen können.

Natürlich hätte es Eneris nur einen Fingerzeig gekostet, die Welle zurück in die Gezeiten zu schicken, aber sie wollte sehen, wie er es bewerkstelligen würde. Ob er die Welle im Auge des Orkans halten konnte oder ob er das Gebilde auflösen würde.

Mittlerweile hatten auch die anderen bemerkt, was vor sich ging. Normalerweise galt es als unschicklich, sich in den Zauber einer anderen Magistra einzumischen, wenn es nicht ausdrücklich abgesprochen oder durch einen Notfall nötig war. Doch Arvid hatte die Welle nicht nur übernommen, er hatte sie auch vollkommen stabilisiert. Seine Nase glühte, aber seine Hände hielt er vollkommen ruhig in der Luft. Es schien ihn nicht mal anzustrengen. 

Eneris war lange genug Leiterin ihrer Abteilung, um schnelle Entscheidungen treffen zu können. "Wie weit kannst du sie ausdehnen?", rief sie ihm zu.

Arvid wollte natürlich zu schnell zu viel, typsich für junge Magistras, und verlor fast die Kontrolle. Eneris hingegen war darauf gefasst. "Caren und Mingus, helft ihm! Ihr nehmt die Welle! Imare und Dullan, ihr haltet den Wind im Zaum – na los!"

Als sie zurück in ihrem Büro waren, musste Arvid Tee per Hand zubereiten, so verlangte es die Tradition. Magistras, die die Hilfe ihrer Kolleginnen benötigten, mussten den Preis dafür bezahlen.

Eneris hörte, wie ihr Team über ihre jüngste Teambuilding-Maßnahme diskutierte, grinste in ihre Tasse und fragte Arvid leise: Was hattest du vor – ganz  Guernsey versenken?“




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